Geschichte im Vest

KRAMPES AUSSAGE

Krampe tritt vor und sagt Ännken ins Gesicht: "Du allein bist an meinem Unglück schuld. Wenn ich nicht etwas von den Geistlichen gebraucht hätte, würde ich schon wohl tot sein." Sie habe ihm doch selbst ein Organ des Körpers fortgehext. Er sei dann zum Klumpendoktor Merkamp im Märkischen Lande gewesen. Dieser habe aus dem Urin kein Leiden festgestellt und gesagt, so etwas könnten die Frauleute einem antun. Er könne ihn aber nicht kurieren, er solle zu den Kapuzinerpaters nach Essen gehen. [...]

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Sie habe ihm doch selbst ein Organ des Körpers fortgehext.
Diesen Satz hatte ich als Fehlinterpretation abgetan. Welches Organ war gemeint? Wenn er doch beim Doktor Urin abgegeben hatte, konnte doch nicht so viel fehlen. Meinte er seinen Hodensack?

Dann habe ich den Hexenhammer gelesen und musste feststellen, dass  Krampe das tatsächlich so meinte.
Man muss sich das so vorstellen; Krampe behauptete, Anna hätte ihm sein Gemächt fortgehext. Der Richter ließ Krampe von einem Arzt untersuchen. Der stellte fest, dass noch alles an Ort und Stelle war.
Der Richter versicherte Krampe, dass doch alles in Ordnung sei.

Krampe aber konnte nichts sehen - an ihm war alles glatt.
Der Richter überlegte: Krampe ist ungebildet. Er kann den Hexenhammer nie gelesen haben. Falls er auch lesen kann, aber doch kein Latein.
Ganz klar, er ist verhext. Anna Spiekermann eine Hexe.

Man darf nicht vergessen, dass der Hexenhammer zu der Zeit bereits 200 Jahre existierte. Es ist anzunehmen, dass Einiges aus dem Hexenhammer das gemeine Volk erreichte. Krampe war ein Dorfbekannter Schläger und Angeber. Bevor er sich für seine Impotenz Spott und Häme einfing, zeigte er doch lieber Anna Spiekermann als Hexe an. Außerdem musste Krampe seiner Verlobten, Dina, erklären, was er denn noch von der "Spiekermannsche" wolle, sie seien doch schließlich verlobt. Ihr musste er als erstes die Hexengeschichte auftischen, bevor das Drama losging.


Auszug aus dem Hexenhammer:

 

Über die Art, wie sie die männlichen Glieder wegzuhexen pflegen.

Aber auch darüber, dass sie die männlichen Glieder wegzuhexen pflegen, nicht zwar, dass sie wirklich die Leiber der Menschen derselben berauben, sondern sie nur durch Zauberkraft verhüllen, wie oben in der betreffenden Fragen festgestellt ist, wollen wir einige Geschehnisse berichten.

In der Stadt Regensburg nämlich hing sich ein Jüngling an ein Mädchen; und als er es im Stiche lassen wollte, verlor er sein Männliches, natürlich durch Gaukelkunst, so dass er nichts sehen und fassen konnte als den glatten Körper, worüber er beängstigt ward. Nun ging er einst in ein Gewölbe um Wein zu kaufen; hier blieb er eine Weile, als ein Weib hinzukam, dem er den Grund seiner Traurigkeit entdeckte und alles erzählte, auch ihr zeigte, dass es so mit seinem Leibe stände. Die verschmitzte Alte fragte, ob er keine im Verdacht hätte; und er nannte jene und erzählte ausführlich die Geschichte. Jene erwiderte: »Es ist nicht nötig, dass du mit Gewalt, wo Freundlichkeit dir nicht hilft, sie zwingst, dir die Gesundheit wieder zu geben.« Und der Jüngling beobachtete im Dunkeln den Weg, den die Hexe zu gehen pflegte; und als er sie sah, bat er sie, ihm die Gesundheit wieder zu verleihen. Als jene sagte, sie sei unschuldig und wisse von nichts, stürzte er sich auf sie, würgte sie mit einem Handtuch und schrie: »Wenn du mir meine Gesundheit nicht wiedergibst, stirbst du von meiner Hand.« Da sagte sie, da sie nicht schreien konnte, und ihr Gesicht schon anschwoll und blau wurde: »Lass mich los, dann will ich dich heilen.« Und als der Jüngling den Knoten oder die Schlinge gelockert hatte und sie nicht mehr würgte, berührte die Hexe ihn mit der Hand zwischen den Schenkeln oder dem Schambeine und sprach: »Nun hast du, was du wünschest.« Und, wie der Jüngling später erzählte, fühlte er deutlich, bevor er sich durch Sehen und Befühlen sich vergewisserte, dass ihm das Glied durch die bloße Berührung der Hexe wiedergegeben war. […]

Doch auch hier ist einiges zu bemerken, um leichter einzusehen, was oben über denselben Stoff gesagt ist. E r s t e n s, dass man auf keine Weise glauben kann, solche Glieder würden von den Körpern gerissen oder getrennt; sondern durch Gaukelkünste werden sie von den Dämonen verborgen, so dass sie weder gesehen noch gefühlt werden können; und zwar gibt es dafür Autoritäten und Gründe, mag es auch schon festgestellt sein, da Alexander de Ales II. sagt: »Gaukelei im eigentlichen Sinne ist jene Täuschung seitens des Dämons, die ihren Grund nicht in der Veränderung der Sache, sondern in dem Wahrnehmenden hat, der getäuscht wird, sei es bezüglich der äußeren Sinne.« Betreffs dieser Worte ist jedoch zu bemerken, dass hier zwei äußere Sinne getäuscht werden, nämlich Gesicht und Gefühl, und nicht die inneren, als da sind: der allgemeine Sinn, Phantasie, Vorstellung, Meinung und Gedächtnis; mag auch, wie oben gesagt ist. S. Thomas nur vier annehmen, weil er Phantasie und Vorstellung als eines gelten lässt, und mit Recht: denn nur geringer Unterschied ist zwischen der Funktion der Phantasie und der Vorstellungskraft. […]

[…] Es möge nicht wunderbar scheinen, dass die Dämonen dies können, da auch eine selbst mangelhafte Natur solches vermag, wie sich in den Gehirnkranken, Melancholikern, Verrückten und Trunkenen zeigt, die nicht unterscheiden können: die Gehirnkranken meinen, sie hätten Wunderdinge gesehen und sehen Bestien und furchtbare Erscheinungen, während sie in Wahrheit nichts sehen. […]

Endlich ist auch der Grund an sich klar. Da nämlich der Dämon über gewisse niedere Dinge eine gewisse Macht hat, ausgenommen nur die Seele, so kann er auch an solchen Dingen Veränderungen vornehmen, (wenn Gott es geschehen lässt;) so dass die Dinge anders erscheinen als sie sind; und zwar geschieht dies, wie ich gesagt habe, durch Störung oder Täuschung des Sehorgans, sodass eine helle Sache dunkel erscheint; wie ja auch nach dem Weinen, wegen der angesammelten Feuchtigkeit, ein Licht anders erscheint als vorher. […]

Der Hexenhammer

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Der Hexenhammer galt als Bibel der damaligen Justiz, der ganze Humbug wurde von den Hexenrichtern geglaubt. Man darf annehmen, dass Anna Spiekermann wegen Krampes gespielter Blindheit, was sein Gemächt betrifft, hingerichtet wurde.                  

Thomas Becks

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